Freitag, 11. November 2011

Talente, die ihr Glück woanders versuchen

Es ist ein Phänomen im Fußball, das ganz natürlich ist: Talente, die ihr Glück nicht bei jenem Verein versuchen, der ihnen ihre Ausbildung verschafft hat, sondern - oft zeitverzögert - woanders den Durchbruch schaffen. Diese Vorgehensweise, die zudem dazu führt, dass finanziell schlechter gestellte Vereine für wenig Geld - oftmals nur durch die FIFA-Statuten festgelegten Ausbildungsentschädigungen - Talente an Land ziehen können, ist ligenunabhängig und in ganz Europa zu beobachten.

Gewiss hat so gut wie jedermann von drei Fußballern gehört, auf die ich mich in diesem Blog hauptsächlich - und gleichzeitig auch stellvertretend für hunderte bzw. tausende andere Profifußballer - beziehe: Gerard Piqué, Giuseppe Rossi und Ron-Robert Zieler. Was haben diese drei Akteure gemeinsam? Nun, sie wurden in ihren Jugendjahren aus Spanien, Italien und Deutschland auf die Insel gelockt. Die Gesetze lassen in den genannten Ländern Jungprofiverträge erst zu einem späteren Zeitpunkt als im Mutterland des Fußballs zu, was häufig zu Konfrontationen zwischen 'kleineren' und 'größeren' Klubs (konkreter: Klubs aus größeren Ligen mit besseren finanziellen Möglichkeiten sind im Vorteil) führt. In diesem konkreten Fall ist allerdings sogar ein europäischer Gigant mit dem FC Barcelona verwickelt gewesen.
Aber immer der Reihe nach: Der Innenverteidiger Piqué, in Barcelona geboren, fand seinen Weg nach Manchester im Sommer 2004. Ein spielerisch starkes Versprechen, das seinen Weg durch die Reserve machte und relativ schnell für die Kampfmannschaft interessant wurde, gab er sein Debüt noch in der Saison 2004/05 im League Cup bei Crewe Alexandra. Gute Übersicht, sehr gute Fähigkeiten am Ball und ein exzellentes Fußballhirn zeichneten den jungen Verteidiger schon früh aus; gleichzeitig  hatte er allerdings Probleme, mit der Geschwindigkeit des englischen Fußballs zu Recht zu kommen. Warum also, werden sich viele fragen, hat United diesen Mann abgegeben? Wie konnte man das Potential von Piqué nicht sehen, der, schlußendlich in seine Heimatstadt zurückgekehrt, mithalf, ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub zwei Champions League-Trophäen zu gewinnen? Im Sommer 2008, als die damalige United-Mannschaft am Höhepunkt ihres Schaffens war, hatte Piqué nur noch ein Jahr Vertrag, hatte Heimweh und bekam zudem mit Eigengewächs Jonny Evans einen weiteren Konkurrenten vor die Nase gesetzt, der gerade in Sunderland eine herausragende Saison hinter sich gebracht hatte. Unter diesen Voraussetzungen war es für Ferguson wohl eine nachvollziehbare und einfache Entscheidung, Piqué seinen Wunsch zu erfüllen und ihn nach Barcelona zurückkehren zu lassen. Dies hatte nichts damit zu tun, sein Potential nicht zu erkennen - vielmehr standen mit Ferdinand, Vidic, Evans und Brown vier Spieler zur Verfügung, die in der Rangordnung über Piqué einzuordnen waren. Sportlich gesehen war es ein logischer Wechsel, und auch finanziell waren die 6 Millionen EUR zum damaligen Zeitpunkt bei einer (Vertrags-)Restlaufzeit von einem Jahr angemessen. Heute passt Piqué mit seinem Spielstil perfekt in eine der besten Mannschaften, die die Fußballwelt je gesehen hat - und hat sich stets positiv über seinen zweiten fußballerischen Entwicklungsort bzw. seinen Mentor Ferguson geäußert.

Während in der Causa Piqué alle Beteiligten 'gut' ausgestiegen sind, kann dies bezüglich Giuseppe Rossi getrost nicht behauptet werden. Der Italiener, der ebenfalls im Sommer 2004 nach Old Trafford übersiedelte, fand sich sofort blendend in der Reserve zurecht und ließ auch bei seinen Auftritten im Profiteam keinen Zweifel daran, dass ihm die Zukunft gehören wird. Nur eines hatte Rossi leider nicht: Geduld. Im Sommer 2007 wollte er den Klub unbedingt verlassen, da er für sich kaum mehr Chancen im Kader gesehen hat. Fairerweise muss angemerkt werden, dass zu Saisonbeginn und nach der Verpflichtung von Carlos Tevez von West Ham United mit Rooney, Tevez, Saha, Smith und Solskjaer gleich fünf Stürmer in der Rangordnung vor dem Italiener standen, der zuvor eine exzellente Halbsaison bei seinem Ausbildungsklub Parma absolviert hatte. Aus dieser Sicht ist der Wechselwunsch von Rossi rational begründbar; Aus Sicht eines United-Fans ist dieser insofern bitter, weil nur wenige Wochen nach Rossis Abgang Rooney und Saha im Lazarett weilten, Smith sich bei Newcastle United wiederfand und Solskjaer seine Karriere beendete. Somit wäre Rossi mit etwas mehr Geduld sofort zu massenhaft Spielzeit gekommen... aber wie sagt der Engländer so schön, 'hindsight is a wonderful thing'. Seine Karriere hat sich der junge Mann mit seinem Wechsel nach Spanien zum Topverein Villareal keineswegs verschlechtert; Mehr als 80 Pflichtspieltore zeugen davon, dass die United-Scouts prinzipiell gute Arbeit geleistet hatten. Rossi, der nunmehr schwer am Knie verletzt ist, ist zu wünschen, dass er einen Wechsel zu einem noch größeren Klub in naher Zukunft schafft. Das Potential dazu hat er, wie auch das Interesse von Gigant FC Barcelona im Sommer belegte.

Der kurioseste der Fälle, die ich hier skizzieren möchte, ist jener des nunmehrigen deutschen Nationaltorhüters Ron-Robert Zieler. Zieler kam aus der Nachwuchsabteilung des 1. FC Köln als großes Torwartversprechen nach Nordwest-England, machte den üblichen Weg durch die Reserve, vermittelte aber nie wirklich den Eindruck, das Potential für die erste Mannschaft zu haben. Nachdem er in der Reserve teilweise von Ben Amos verdrängt wurde, hat ihn United im Sommer 2010 freigegeben, woraufhin Hannover 96 zuschlug. Über die Reserve kämpfte sich Zieler ins erste Team und überzeugte von Beginn weg mit tollen Reflexen, exzellenter Strafraumbeherrschung und als Ruhepol. Ablösefrei geholt hat sich der nunmehrige Torhüter Nr. 3 der Nationalmannschaft zu einem Schnäppchen entwickelt, wobei der Unterschied zu den Fällen Rossi/Piqué ganz klar jener ist, dass Zielers Potential bei United nicht so deutlich zum Vorschein gekommen ist. Gerade in der Strafraumbeherrschung ist aber klar sichtbar, dass Zieler mehrere Jahre in England verbracht hat - für Torhüter ist die Bundesliga im Vergleich zu England ein wahres Paradies, selbst wenn sich der Vergleich nur auf Reservelevel bezieht. Ein Aufstieg vom Reserve-Torhüter in der Reserve zum Stammtorhüter bei einem Europa League-Teilnehmer und Nationaltorhüter der Nr. 3 der Welt - das könnte fast als Märchen bezeichnet werden.

Die genannten Beispiele stehen aber nur stellevertretend für viele andere Spieler in unterschiedlichsten Ligen. Vor allem die Akademien der großen Vereine stellen für die Liga immer wieder Akteure bereit, denen der Durchbruch nicht gelingt, die aber dennoch das Niveau bei diversen Ligakonkurrenten anheben können. Ein Zyklus, den der Fußball braucht, denn Nachwuchsarbeit bringt den Vereinen auch Geld, das viele bitterlichst notwendig haben.

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